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Adieu Tatooine


Mein Entschluß stand fest, ich würde Tatooine verlassen. Fast alle meine Freunde waren fort. Es hielt mich nichts mehr auf diesem öden Planeten.
Die Nacht war kalt und ich fror trotz des dicken Kapuzenumhangs, den ich trug. Ich hatte das Blastergewehr meines Vaters und mein Vibromesser bei mir und war nun schon mehrere Stunden in der Jundlandwüste zu Fuß unterwegs. Es würde nicht mehr lange dauern und die Kälte der Nacht würde der flirrenden Hitze des Tages weichen. Ich sah auf meinen Chrono-
meter - noch zwei Standardstunden bis zum Aufgang der Doppelsonnen. Bis Mos Eisley waren es noch ca. 5 Kilometer, das war zu schaffen. Ich wußte, daß es gefährlich war, was ich hier tat, doch es mußte sein. Plötzlich hörte ich neben mir ein lautes Schnaufen - Ban-
thas. Und wo Banthas sind, sind ihre Besitzer, die Sandleute, auch Tusken Raider genannt, meist nicht weit. Da hörte ich auch schon ihre Rufe. Oh Himmel, ihr Anführer zeigte in meine Richtung. Sie mußten mich entdeckt haben. Es waren zehn Tusken und mir war klar, daß ich einen Kampf mit ihnen nicht überleben würde. Hier sollte also mein Leben enden, ehe es richtig begonnen hatte. Ich nahm das Gewehr meines Vaters von der Schulter und legte auf den ersten Tusken, der sich mir näherte, an. Er war mit einer Gaffii-Lanze bewaffnet, die er drohend erhoben hatte. Mit einem lauten Kampfschrei griff er mich so plötzlich an, daß ich keine Gelegenheit hatte abzudrücken. Der Tuske schlug mir die Waffe aus der Hand, ich taumelte rückwärts und stürzte hart zu Boden. Sofort war der Tuske über mir und zog mein Vibromesser aus meinem Gürtel. Ich wehrte mich verzweifelt gegen seinen Griff, als er meinen Kopf nach hinten drückte, um mir die Kehle durchzuschneiden. Die übrigen neun Sandleute waren inzwischen näher gekommen und umringten uns. Durch meine heftigen Abwehrbewegungen glitt die Kapuze des Umhangs von meinem Kopf und enthüllte meine langen kupferroten Haare, die darunter verborgen gewesen waren. Der Tuske, der rittlings auf mir saß, wurde von seinem Anführer hochgerissen. "Laß die Frau gehen, Gorr." Gorr widersprach heftig. "Du wirst meinen Befehl befolgen, Gorr." Murrend zog sich Gorr in den Kreis seiner Stammesgenossen zurück. Der Anführer der Sandleute reichte mir die Hand. "Komm, Dir wird nichts geschehen." Mit seiner Hilfe erhob ich mich und berührte stöhnend meinen schmerzenden Hinterkopf. Morgen würde ich dort bestimmt eine große Beule haben. Falls es für mich ein `morgen´ geben würde. "Danke." Als sie dieses Wort in ihrer eigenen Sprache hörten, ging ein erstauntes Raunen durch die Reihen der Tusken Raider. Ihr An-
führer gebot ihnen mit einer Handbewegung zu schweigen. "Komm, Nomi." Erstaunt sah ich ihn an. "Woher wissen Sie meinen Namen? Wer sind Sie?" Er musterte mich und dann lachte er. Es war eigenartig das Lachen eines Tusken zu hören. "Du erinnerst Dich nicht mehr an mich?" Ich schüttelte den Kopf. "Nun, es ist schon sehr lange her. Dein Vater rettete mir das Leben, als ich von einem Krayt-Drachen angefallen wurde. Damals schwor ich die Familie von Jula Darklighter zu schützen." Nun glaubte ich zu wissen, wer vor mir stand. "Worrtan?" Er nickte. "Du warst damals noch sehr jung, Nomi. Wie ich höre, hast Du nicht verlernt, was ich Dir beigebracht habe." Inzwischen hatte er sich auf den Sandboden gesetzt und ich setzte mich neben ihn. "Was machst Du nachts alleine in der Jundlandwüste?" "Ich will nach Mos Eisley, Worrtan." "Mitten in der Nacht?" "Ich habe meine Gründe." Er winkte seinen Leuten. "Wir werden Dich begleiten, Nomi." Worrtan stand auf und hob mich auf sein Bantha. Schweigend ritten wir bis zur Stadtgrenze von Mos Eisley. Dort hob er mich von seinem Reittier und umarmte mich. "Paß auf Dich auf, Nomi. Mögen die Götter mit Dir sein." Ich erwiderte seine Umarmung. "Keine Sorge, Worrtan." Er wandte sich zu seinem Bantha um, um aufzusitzen. "Hey, Worrtan. Möge die Macht mit Dir sein." Er blickte noch einmal zurück. Dann stieg er auf sein Reittier und gab den Befehl zum Abmarsch. Bald war Worrtans Stamm im Dunkel der Nacht verschwunden.
Ich ging langsam, jede Deckung ausnutzend, zu den Dockbuchten des Raum-hafens. Meine Gestalt verschmolz förmlich mit den schwarzen Schatten der Hauswände. Der imperiale Gouverneur hatte eine Ausgangssperre verhängt. Wenn ich einer Stormtrooper-Patrouille in die Arme lief, würde ich statt in der Freiheit des Weltraums in einer Gefängniszelle landen. Endlich hatte ich mein Ziel erreicht - Dockbucht 84. Dort stand seit Tagen ein corellianischer Frachter. Ich hatte unauffällig Erkundigungen eingezogen. Der YT-1300 gehörte einem geflügelten Nichtmenschen namens Tarik, der sich mit Gelegenheitsjobs und Schmuggel mehr schlecht als recht über Wasser hielt. Ich drehte mich noch einmal vorsichtig um, ob mich niemand beobachtet, ehe ich mich an dem Türschloß der Dockbucht zu schaffen machte. Es ging leichter, als ich gedacht hatte. Rasch schlüpfte ich hinein und verriegelte die Tür hinter mir. Fasziniert betrachtete ich den vor mir stehenden Raumfrachter. Bald würde er mir gehören. Ich betätigte den Schalter, der die Tür freigeben sollte und war erstaunt, als sich die Zugangsrampe tatsächlich senkte. Vorsichtig betrat ich den Frachter und ging ins Cock-
pit. Das konnte nicht wahr sein, es waren keinerlei Sicherheitsmaßnahmen von seinem Besitzer getroffen worden, um Eindringlinge abzuhalten. Meine Blicke glitten über die einzelnen Knöpfe und Schalter des Armaturenbretts. Langsam setzte ich mich in den Pilo-tensitz und ließ meine Finger über die einzelnen Regler wandern. Rasch hatte ich den Check erledigt und die Triebwerke waren warmgelaufen. Ein Vibrieren ging durch das Raumschiff, als es sich langsam mit halber Repulsorkraft zur Deckenöffnung der Dockbucht bewegte. Dann hatte ich es geschafft. Der Frachter stieg in den Orbit von Tatooine auf. Innerlich klopfte ich mir auf die Schulter und gratulierte mir zu meinem Erfolg. Ich würde das Schiff "Aquarius" nennen. Ich lächelte, ja, das war ein guter Name. Als ich überlegte, wohin ich fliegen sollte, hörte ich hinter mir ein Geräusch. Erschrocken sah ich mich um und griff zu meinem Vibromesser. Hinter mir stand ein ca. 1,80 m großer geflügelter Nichtmensch, der seinen Blaster auf mich richtete. Er funkelte mich aus dunklen Augen zornig an. "Es ist besser, wenn Du Dein Messer da läßt, wo es jetzt ist. Sonst könnte es sehr leicht sein, daß Dein hübscher Kopf ein häßliches Einschußloch hat." Langsam hob ich meine Hände. "Ja, so ist es gut. Ich sehe, Du kannst ganz vernünftig sein. Und nun steh´ auf und geh´ da rüber." Er deutete mit der Waffe auf den Copilotensitz. Langsam erhob ich mich und wechselte den Platz. Der Nichtmensch nahm Stunnerfesseln aus seinem Utensiliengurt und fesselte damit meine Hände. Verdammt, das war gründlich schief gelaufen. Wer konnte auch ahnen, daß der Besitzer des Frachters ausgerechnet heute, entgegen seinen sonstigen Gewohnheiten, in seinem Schiff übernachtet. Er setzte sich in den Pilo-tensitz und übernahm die Steuerung. "Wie heißt Du?" Der Nichtmensch wandte seinen Blick von den Instrumenten ab und mir zu. "Nomi Darklighter. Und Du?" Er lachte, ein eigenartig zwitschernder Laut. "Du kannst mich Tarik nennen." Plötzlich erklang ein Alarmton. Tarik fluchte."Sithspawn! Imperiale Wachschif-
fe. Wenn die mich kriegen, bin ich geliefert. Kannst Du einen Frachter fliegen, Nomi?" Ich nickte und Tarik löste meine Fesseln. "Gut, dann zeig´ mal, was Du kannst Mädchen. Ich gehe an die Geschütze." Tarik ging in den hinteren Bereich des Frachters zu den Geschütz-
ständen. Mir brach der Angstschweiß aus. Ich hatte Tarik angelogen und keine Ahnung, wie man einen Raumfrachter fliegt. Alles was ich darüber wußte, hatte ich in Büchern gelesen, die ich mir von meinem Cousin Biggs geliehen hatte. Ob dieses Wissen ausreichen würde, um imperialen Wachschiffen zu entkommen, war mehr als fraglich. Die "Aquarius", wie ich sie für mich im stillen nannte, wurde von dem ersten Treffer erschüttert. Gleichzeitig kam über das Com ein Ruf: "Corellianischer Frachter, Sie haben keine Starterlaubnis. Stoppen Sie sofort und bereiten Sie sich darauf vor, daß ein Spürtrupp an Bord kommt." Über das Intercom hörte ich Tarik: "Nomi, alle Energie auf die Heckdeflektoren! Und vollen Schub. Wenn wir in Reichweite ihrer Traktorstrahlen kommen, ist alles aus." Ich suchte verzweifelt nach dem Regler für die Energiezufuhr zu den Schilden. Verdammt, es sah alles gleich aus. Da, das mußte der richtige Schalter sein. Erleichtert ließ ich mich zurücksinken, als die Anzeige für die Heckdeflektoren auf 100 % ging. Die "Aquarius" wurde von einem erneuten Treffer durchgeschüttelt. Und dann sah ich sie. "Tarik! Sie haben TIEs ausgeschleust!" Er antwortete ruhig: "Ich hab´ sie gesehen, ich hab´ sie gesehen. Keine Sorge. Flieg´ nur so weiter wie bisher." Kurz danach hörte ich wieder die Stimme des Imp über das Com: "Corellianischer Frachter. Das ist Ihre allerletzte Chance. Ergeben Sie sich, oder wir werden Sie vernichten." Ich wich einem TIE aus, der frontal auf mich zukam und aus allen Rohren feuerte. Durch dieses Manöver geriet er genau in die Schußlinie von Tarik. Der TIE verging in einem Feuerball. "Gut gemacht, Nomi. Du arbeitest ja mit allen Tricks. Alle Achtung! Wir müssen nur noch ein Weilchen durchhalten, dann haben wir den Punkt erreicht, von dem aus wir in den Hyperraum springen können. Dann sind wir in Sicherheit." Während er sprach, feuerte er unablässig auf die uns umkreisenden TIEs. "Nomi, leite dem Bugdeflektor mehr Energie zu. Ein Treffer vorne würde uns sonst pulverisieren." Diesmal fand ich den Schalter sofort. Langsam wurde ich mit den Instrumenten vertraut. Fast war mir so, als hätte ich nie etwas anderes getan, als einen Raumfrachter durch feindliches Sperrfeuer zu fliegen. Mit traumwandlerischer Sicherheit wich ich den sich nähernden TIEs aus. Trotzdem wurde die "Aquarius" getroffen, es waren einfach zu viele, die Schilde würden nicht mehr lange durch-
halten. "Tarik, die Schilde sind nur noch bei 50 %. Noch mehr Treffer werden sie nicht aushalten." Er lachte sein zwitscherndes Lachen. "Keine Angst, Mädchen, die Kiste hält `ne Menge aus." Ich konzentrierte mich weiterhin darauf, den TIEs auszuweichen und nicht in die Reichweite der Traktorstrahlen der Wachschiffe zu geraten. Tarik feuerte unterdessen unab- lässig auf die TIEs, die uns wie wütende Piranhakäfer umschwärmten. Er hatte schon so viele vernichtet, doch es kamen immer neue. Ein Signal zeigte mir an, daß wir endlich die Koordinaten erreicht hatten, um den Sprung in den Hyperraum zu machen. Ich zog den Hebel und die Sterne vor mir wurden zu weißen Linien. Wir hatten es tatsächlich geschafft. Tarik kam wieder zu mir ins Cockpit und ließ sich erleichtert in den Copilotensitz fallen. "Das war verdammt knapp, Nomi. Ohne Dich hätte ich es wahrscheinlich nicht geschafft." Er streckte mir seine Hand entgegen. "Du bist eine gute Pilotin. So was wie Dich könnte ich brauchen. Willst Du bei mir bleiben?" Ich schlug ein. "Ja, aber nur als gleichberechtigte Partnerin. Und das Schiff werden wir "Aquarius" nennen." Er lachte. "O.k., Nomi." Ich war erstaunt, daß er so schnell einwilligte. "Wohin fliegen wir, Tarik?" Er holte eine Sternenkarte hervor. "Siehst Du, das ist unser Ziel - Nar Shaddaa. Der Schmugglermond. Dort werden wir die "Aquarius" zu "Shug´s Spacebarn" bringen, um ein paar Modifikationen vornehmen zu lassen. Shug Ninx ist der beste Mechaniker, den ich kenne. Er wird Dir gefallen." Ich lachte. "Auf nach Nar Shaddaa." In dieser Nacht begann eine lange und profitable Partnerschaft.

© Claudia Riedel 1999